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Tja, nun hat es doch sehr lange gedauert, bis ich mich mal wieder hingesetzt habe. Aber seid versichert, dass der Grund dafür darin liegt, dass es gerade ein paar Dinge gibt, die interessanter sind als drinnen vorm Computer zu hängen. Hier nun ein Bericht von einem Ort, der in vielerlei Hinsicht das andere Ende vom Japan-Spektrum respräsentiert. Statt großer Stadt Einsamkeit. Statt Hitze in Tokyo Erfrischung in den Bergen. Statt Hektik Entspannung. Statt Alltag – jedes Detail ein Erlebnis. Ich spreche von meinem Wochenendausflug in einen Onsen-Ort, wo ich schon vor mehreren Wochen mit meinem Freund Manuel, der zufällig zur selben Zeit in Tokyo war, hingefahren bin, denn ohne Onsen kann ein Besuch in Japan nicht vollständig sein. Die Fotos, die ich hier zeige, sind auch alle von Manuel, da er a) eine echte Kamera hat, b) der weitaus bessere Fotograf ist, und c) ich mein Handy verlegt hatte.

Also erstmal, Onsen ist ein Thermalbad, wovon Japan natürlich endlos viele hat, da es sich um ein Land handelt, das quasi direkt auf einer riesigen Herdplatte sitzt, auch bekannt als “geologische Bruchzone” – tektonische Platten treffen zusammen, und das hat eben gute und schlechte Seiten, wobei Onsen eher zu den guten zählt (Erdbeben dagegen weniger). Man hat also heißes Wasser, das direkt aus der Erde quillt und dabei mit irgendwelchen Mineralien oder Ähnlichem angereichert ist, das irgendwie gut für einen ist, auch wenn es da, wo wir waren, nicht so gerochen hat – Schwefel. Nun gibt es Onsen (fast) überall, aber zusätzlich darf man die Erfahrung nicht versäumen, in einem traditionellen japanischen Gästehaus zu übernachten, genannt Ryokan. Wir also stundenlang mit Shinkansen (!) und Bus gen Norden. Immer bergauf. Das Ryokan befand sich in einem Dorf, in dem es außer ein paar Spa-Hotels und einem einzelnen Laden mit Souvenirs und Teestube absolut gar nichts gab. Ein Onsen ist dann gut, wenn es das Wasser direkt von der Quelle bekommt, man also drin badet, ohne dass es abkühlt und wieder erhitzt werden muss – in diesem Sinne war das Ryokan, zu dem wir ungefähr 20-30 Minuten steil bergauf laufen mussten, viel besser als die Hotels.

Als wir ankamen, stellte sich erstmal heraus, dass niemand dort englisch sprach und für ein paar Minuten war ich besorgt, ob wir unser Zimmer bekommen würden. Am Ende klappte es aber und wir wurden nach oben geführt. Traditionelle japanische Zimmer, das heißt, dass der Boden mit Tatami-Matten ausgelegt ist, die aus Reisstroh bestehen. Um zu verstehen, wie wichtig Tatami ist, ist es gut zu wissen, dass selbst heute noch Tatamiräume zu vielen japanischen Wohnungen gehören und dass deren Größe so wie früher nicht in Quadratmetern, sondern in Anzahl der Matten gemessen wird. Dementsprechend muss man auch seine Schuhe ausziehen, was dem hausschuhliebenden Deutschen natürlich entgegenkommt. Außerdem gibt es keine Stühle, sondern man sitzt auf Kissen um den niedrigen Tisch, auf dem das Essen serviert wird (aber dazu komme ich gleich) und man schläft nicht in Betten, sondern auf Futons (dünnen Matratzen), die man auf dem Boden ausrollt und tagsüber in den Schrank räumt.

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Dann also Onsen! Wir haben erstmal unsere Yukatas angezogen – eine Art Bademantel, aber natürlich hübscher, in dem dort jeder die ganze Zeit herumläuft. Man badet nackt, weshalb Onsen normalerweise, wie Badehäuser, nach Männern und Frauen getrennt sind, aber da wir das ein bisschen sinnfrei fanden, erst zusammen wo hinzufahren, um dann getrennt zu baden, hatten wir ein gemischtes Onsen rausgesucht. Bevor man sich in eine thermalwasserbefüllt Wanne setzt, muss man sich ordentlichst abschrubben, was man im Sitzen auf einem putzigen kleinen Hocker tut. Man sitzt, damit man nicht Wasser auf andere Leute spritzt, denn Rücksichtnahme ist eins der wichtigsten Prinzipien in einem Onsen, und zu einem recht hohen Grad in der japanischen Gesellschaft allgemein (die Duschräume sind trotzdem getrennt). Sobald man sauber ist, kann man nach Belieben die verschiedenen Becken ausprobieren. Das erste, in das ich mich reinsetzen wollte, war schon mal viel zu heiß. Glücklicherweise gab es aber zahlreiche Außenbecken, sogar mit Ausblick, obwohl wir uns auch da ordentlich einen abgeschwitzt haben, da die Sonne schien, und es war Juli und so weiter. Der Geruch war auch nicht so lieblich, aber ich bin sicher, es hat unserer Gesundheit sehr gut getan.

Übrigens ist dieses Prinzip nicht nur auf Onsen, sondern auch auf normales Wasser anzuwenden. Sowohl in Badehäusern, wovon es noch ziemlich viele gibt, als auch zu Hause wird sich erst geduscht, dann in die Wanne gesetzt. Auf die Art können mehrere Personen das Wasser benutzen, und wenn ich es mir recht überlege, ist das auch weitaus hygienischer.

Nun aber zum wirklich wichtigen Teil. Ryokans haben den Ruf, sehr hochwertiges Essen zu servieren. Wir haben das getestet, und ich muss sagen, es stimmt. Das Abendessen wurde uns ins Zimmer gebracht. Als sie das erste Tablett reintrugen, dachte ich, hmmm, das ist ja nicht sehr viel, ob da noch was kommt? Als sie das zweite Tablett reintrugen, dachte ich, ja, ok, das ist ja schön. Und dann kam noch ein drittes Tablett, das sich quasi durchbog unter dem Gewicht der Leckereien, die es beherbergte. Natürlich könnten wir nicht alles identifizieren, und fragen konnten wir auch nicht, aber probiert haben wir alles.

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Schaut euch erstmal an, wie hübsch das alles aussieht! Dass das Auge mitisst hat niemand so gut verstanden wie die Japaner. Wir haben da also: außerhalb vom Tablett, in der größeren blauen Schüssel, Sashimi, also dünn geschnittenen rohen Fisch, auf dem viereckigen Teller, gegrillten Fisch, in der kleinen schwarz-roten Schüssel, Soba, eine Art Vollkornnudeln, und rechts in der rosa Schüssel, Wasserkastanien. In der zugedeckten kleinen braunen Schüssel ganz recht, Misosuppe mit Tofu und Algen. Auf dem Tablett, verschiedene Gemüsesachen, z.B. Bohnen in Sesamsauce. Die große braune Schüssel, deren Deckel ich da so lüpfe, war das Highlight. Da waren dünn geschnittenes Rindfleisch, Pilze und verschiedene Gemüse drin, und drunter war ein Feuerchen, das diese Sachen bei geschlossenem Deckel gedämpft hat. Das nennt man Sukiyaki. Nicht im Bild ist die gigantische Schüssel mit Reis, die wir nicht mal annährend leer bekommen haben.

In Japan wird es wahnsinnig früh hell (so um 4) und ziemlich früh dunkel (ungefähr halb 7), und da es dort oben nicht so viel zu tun gab, konnten wir uns diesem Tagesablauf auch anpassen. Das heiße Wasser hilft natürlich beim Schläfrigwerden. So schafften wir es, vor dem Frühstück, das um 7 serviert wurde, noch schnell ein bisschen zu onsen. Wer schon immer wissen wollte, was Japaner zum Frühstück essen – das hier:

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Also nix Cornflakes, Brot sowieso nicht. In der großen rotbraunen Schüssel ganz rechts ist natürlich Reis drin. Das rosa Ding auf dem viereckigen Teller ist Lachs. Und das Ei war halbroh, man isst es mit Reis vermischt. Das Einzige, was wir beide total widerlich fanden, war Natto, was in der kleinen weißen Schüssel unten in der Mitte ist, rechts vom Ei. Das sind fermentierte Sojabohnen und die schmecken wie verfaulter Kaffeesatz. Misosuppe und Reis möchte ich jetzt bitte immer zum Frühstück haben, ja? Das Einzige, was mir fehlt, ist Obst, was hier aus irgendeinem Grund Luxusgut und somit sauteuer ist – etwa 4 Euro für zwei Pfirsiche! Dafür schmecken die dann: perfekt.


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