Wir sind ja nun schon eine Weile in Südamerika. Am 20.6.2010 sind wir nach Kolumbien eingereist und erst gestern habe ich die ecuadorianische Grenze überschritten und das Land von Kaffee, Koks und Kunstbusen hinter mir gelassen. Ich habe es schweren Herzens getan, denn es hätte noch so viel mehr zu entdecken gegeben – aber das gilt für die vielen anderen südamerikanischen Länder schließlich auch.

Zuletzt waren wir also in der Kaffee-Region, wo schöne Aussichten und angenehmes Klima sich mit einem Überangebot an gutem Kaffee verbinden. Auch über unsere Unterkunft konnte man nicht meckern.

Blick auf Kaffeeplantagen in der Nähe von Manizales

Eine der schönsten Unterkünfte bisher war die Hacienda Venezia in Manizales, eine Kaffeefarm, die selbst Kaffee anbaut und exportiert.

Blick ins Cocora Valley in der Nähe von Salento. Hier gibt es übrigens auch viele Pilze.

Ich möchte nun aber endlich mal der Bitte einer einzelnen Person nachkommen, doch mal zu erklären, wie es denn eigentlich so ist in Kolumbien. Man kennt ja nur das Koks-und-Räuberpistolen-Klischee, das eher abschreckend wirkt. Ich habe zwar schon mehrfach gelesen, dass weiterhin 80% des weltweit konsumierten Kokains aus Kolumbien stammen soll, habe dafür jedoch keine aktuelle Quelle gefunden. Im World Drug Report 2009 ist jedenfalls von knapp über 50% die Rede, was immer noch genug ist.

Sicherheit

Ich persönlich habe das weiße Pulver nur in Bogotá zu Gesicht bekommen, wo man es direkt von den Sicherheitsleuten erwerben kann, die dazu da sind, die Touristen zu bewachen. Die Sicherheitslage scheint in der Hauptstadt in der Tat nicht mit Europa vergleichbar zu sein, aber wenn man seinen gesunden Menschenverstand einsetzt und vielleicht noch den Kolumbianer an der Hostel-Rezeption um Rat fragt und diesen dann beherzigt, hat man 80% der Sicherheitsrisiken bereits ausgeschlossen: Nachts nur in großen Gruppen herumlaufen, sonst Taxi fahren; nur offizielle Taxis verwenden; Wertgegenstände nicht offensichtlich herumtragen (bei einer riesigen Kamera wie Jonas’ gar nicht so leicht, um nicht zu sagen, unmöglich); beim Weggehen auf den eigenen Drink aufpassen und nicht mit Fremden high werden. Ähnliches gilt vermutlich für alle größeren Städte, vor allem touristische, wie Santa Marta, Cartagena, Cali, usw.

Tourismus

Sobald man jedoch die Städte verlässt, ist alles viel einfacher, angenehmer und sicherer als man denkt. Die Natur ist unglaublich vielseitig und die schiere Größe dieses Landes überwältigt einen immer wieder. In Villa de Leyva oder in der Kaffeeregion könnten auch Oma und Opa Urlaub machen, so nett ist es da und so sehr erfüllt es selbst europäische Touristenansprüche (nette Unterkünfte, gutes Essen, ansprechende Architektur, nicht zu heiß, weder Schlangen, noch Skorpione oder überdimensionierte Spinnen, was sicher nicht nur Oma und Opa freut). Den Weg zwischen zwei Touristen-Destinationen kann man mühelos in vielleicht etwas überklimatisierten, jedoch ansonsten sehr bequemen Reisebussen zu fairen Preisen zurücklegen. Es gibt vor allem auch alles, was das Herz eines Rucksacktouristen begehrt, denn das ist trotz allem die vorherrschende Art des Tourismus, jedenfalls von Ausländerseite: viele sehr schöne Hostels, billiges Essen, gute Busverbindungen und nicht zuletzt nette und hilfsbereite Menschen.

Kultur

Das einzige Problem ist, dass so gut wie niemand auch nur ein Wort englisch spricht. Warum auch, wenn man auf einem riesigen Kontinent wohnt, auf dem in fast allen Ländern spanisch gesprochen wird? Dazu kommt, dass Bildung hier anscheinend nicht so das große Thema ist. Kaum jemand studiert und ich glaube nicht, dass die Frage “Was willst du mal werden?” für die meisten viel mehr ist als ein längst vergessener Kindheitstraum, denn hier herrscht noch die Notwendigkeit, irgendwie zu überleben. Der Kokainhandel ist vor allem auch ein gesellschaftliches Problem, das zeigt, dass viele Menschen keine oder nur sehr unzureichende Alternativen haben. So sieht man oft ganze Familien in einem Minilädchen, das am Tag einen geschätzten Umsatz von 10 Euro macht und als Kaffeepflücker bekommt man für ein Kilo geerntete Früchte lächerliche 300 Pesos, was ca. 15 Cent entspricht. Dass der Lebensstandard allgemein viel geringer ist, sieht man schon an den Häusern – die meisten sehen etwas heruntergekommen aus, ich bezweifle, dass alle warmes Wasser haben, und viel Platz ist auch nicht. Entsprechend sind die Städte abgesehen von ihrer Kolonialarchitektur meist potthässlich, was von jeder Menge Dreck (Müllabfuhr? Nö!) und unzähligen räudigen Straßenkötern unterstützt wird.

Was hier keine Rolle spielt: Umweltschutz jeglicher Form, die Emanzipation der Frau, pünktlich zur Arbeit gehen.

Was eine große Rolle spielt: die Familie, gute Laune, große Brüste.

Worüber man sich als Deutscher/Europäer ärgert: eigentlich alles am Straßenverkehr , unzureichende Warmwassersysteme und natürlich Salsa.

Worüber man sich hingegen freut: einmal durch die ganze Stadt fahren kostet maximal 50 Cent, Fruchtsäfte, Empanadas (mit Fleisch o.ä. gefüllte frittierte Teigtaschen).

Ich hatte anfangs keinerlei Vorstellung von Kolumbien. Mittlerweile finde ich, dass es ein unheimlich vielfältiges Land ist – schon landschaftlich haben die Karibikküste und die Hohen Anden nicht viel gemeinsam, und die Kaffeezone, der Amazonas und die Pazifikküste sind noch einmal Geschichten für sich, von denen ich die zwei letztgenannten auslassen musste. Reisen ist einfach, denn es gibt einen gut ausgebauten “Gringo-Trail”, auf dem Ausländer üblicherweise unterwegs sind und dort Hostels und Aktivitätsmöglichkeiten finden. Ein bisschen enttäuscht bin ich davon, dass die Leute doch sehr USA- und Europa-orientiert sind und ich mit der Kultur nicht viel anfangen kann, u.a. da man in Kolumbien, im Gegensatz zu beispielsweise Mexiko, auch nichts mehr von der Ureinwohner-Kultur merkt.

Kurz – in Kolumbien kann ich so einiges an Zeit mit Reisen verbringen, aber leben würde ich hier keinesfalls wollen.


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Kommentare ( 1 Kommentar )

Eine einzelne Person bedankt sich für die Aufklärung! Künftig werde ich bei Waaas-in-Kolumbien-ach-du-lieber-Himmel-Reaktionen auf diesen Artikel verweisen können… Und wenn wir Oma & Opa sind, fahren wir dann halt auch mal dort hin :-)
Viel Spaß noch – ist ja nicht mehr lang!

Mama schrieb dies am 27.07.10 um 9:43 pm.

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